zählen von eins bis sechsundneunzig


Die Pagina, die im Buch ein Buch, ein schmales sich unruhig bewegt,
wird hier zum Protagonisten des Buches.
Im Buch wird getan, was im Titel angekündigt wird.


2006













hurenkinder


Es ist typographisch unmöglich, wenn die Ausgangszeile eines Absatzes als
erste Zeile am Spaltenbeginn plaziert wird. Man bezeichnet diese umbruchtechnische
Unmöglichkeit als Hurenkinder.
(Typographisches Gestalten, hrsg. von Manfred Siemoneit, S. 159)

, sind schlicht verboten.


2004

schusterjungen


Das Gegenstück sind Schusterjungen, wenn nämlich die erste Zeile
eines Absatzes am Ende einer Spalte plaziert wird.
(Typographisches Gestalten, hrsg. von Manfred Siemoneit, S. 159)

, sollen, wann immer möglich, vermieden werden.


2001













ein Buch, ein schmales


Ein Augenblick im Sommer.

Ein Schmutztitel,
ein Haupttitel,
ein Impressum,
eine Widmung,
ein Satz,
die Pagina.


2001













Stundenbuch


Erinnern Sie sich an die Ausstellung der mittelalterlichen Stundenbücher
im Diözesanmuseum Köln vor vier Jahren?
Es gab Bücher, deren Ecken durch den Gebrauch wie wegerodiert waren.
Es gab Bücher mit runden Ecken.

Eine kleine (Nagel)-Schere, ein kleines Buch. Die Ecken der Buchblockseiten werden rund geschnitten, möglichst gleich.


2002


Eine große (Papier)-Schere,
ein großes Buch.
Die Ecken der Buchblockseiten werden rund geschnitten, möglichst gleich.


2005.


Die Ecken der Buchblockseiten werden nochmals rund (mit größerem Radius) geschnitten,
möglichst gleich.


2006













Immergrün


Zuerst wird der Stempel – IMMERGRÜN – ins blaue Stempelkissen gedrückt,
dann ins gelbe, dann aufs Papier.


2001













Farben


keine Farbsystematik,
keine Farbenlehre,
keine Farbordnung.
Reste der tagsüber genutzten Farben werden abends gesammelt.
Eine Farbenvielfalt.



2001











Moskitos nach William Faulkner


William Faulkner's Buch Moskitos wird gelesen. Das Wort Moskitos wird
von William Faulkner nur im Titel verwendet. Im Buch beschreibt er,
wie Moskitos sich zeigen, was Moskitos machen, was mit ihnen passiert.

Faulkners Buch wird nachgebaut.
324 weiße Seiten.
Das Format entspricht dem gelesenen Buch.
Für den Umschlag, die drei Vor- und die drei Nachsatzblätter wird blaues Papier verwendet.

Die ersten acht Bücher erscheinen.
Auf allen Seiten, auf denen Faulkner Moskitos erwähnt, hinterlässt ein abbrennendes
Streichholz eine Schmauchspur.
Vier Aufführungen linksfliegend aus der rechten Hand.
Vier Aufführungen rechtsfliegend aus der linken Hand.
Die Schmauchspuren bekommen so ihren Namen – Moskitos.

Variationen entstehen.

Die Schmauchspuren werden durch das gestempelte Wort ersetzt.
Moskitos.
Auf allen Seiten, auf denen Faulkner Moskitos erwähnt, wird nun das Wort Moskitos gestempelt.

Variationen entstehen.

Aquarellfarbe kommt hinzu.

Der blaue Umschlag, die blauen Vor- und Nachsatzblätter werden durch das weiße
Papier des Buchblockes ersetzt.
Diese Seiten werden gegen die Laufrichtung des Papiers gebunden.
(Während das Papier des Buchblockes in Laufrichtung des Papiers gebunden wird).

Der Raster der Stempelstruktur wird ausgeweitet.
Neue Buchformate entstehen.

Den Umzug ins neue Atelier vor drei Jahren machen die Moskitos nicht mit.

ohne Moskitos nach William Faulkner.

ohne Moskitos nicht nach William Faulkner


1991 – 2009












morgen die röte


Helle Dunkelheit – morgen die röte, zur Ausstellung von André Gysi und mir gibt
das Kunsthaus Zug eine Publikation mit verschiedenen Druckbögen heraus.
Einer dieser Druckbögen soll rot eingefärbt sein.
Ein Probelauf zeigt, wie in grossen Mengen Papierbögen mit einem Schwamm rot
eingefärbt werden können. Da diese Blätter, wie sich später zeigt, nicht das richtige
Format haben, werden sie für die Publikation nicht verwendet.

Das rot eingefärbte Papier falten.
Die so entstandenen Bögen werden, nicht aufgeschnitten, zum Buchbinder gebracht.
Ein Buch wird gebunden.

Ist die offene oder die geschlossene Seite der Bögen oben ( – ? )
oder welche der Umschlagseiten ist nun die Vorderseite ( – ? ).
(In der Buchproduktion sind die Druckbögen immer unten offen. Bei der Publikation
"Helle Dunkelheit – morgen die röte" des Kunsthauses Zug sind die Druckbögen immer oben offen).
Der Buchbinder Dirk Jachimsky entscheidet.


2002













Quadrat


Ein Stapel Papier.
Aus dem ersten Blatt wird ein Quadrat ausgeschnitten.
Egal welche Formen, welche Rechtecke aus den nachfolgenden
Blättern herausgeschnitten werden,
das Quadrat muss durchgehend zu sehen sein.

Sehen Sie die Fibonaccizahlen, ausgebreitet in der Ebene?


1985/86













BLAUPAUSE


Annlies arbeitet, Corinne schläft.
Zwei Tage die Woche hüte ich tagsüber meine einjährige Tochter.
Zuverlässig hält sie ihren Mittagsschlaf, zwei Stunden.

Ein leeres Buch mit blauem Stoffeinband.
Ein Stempel wird in Auftrag gegeben.
BLAUPAUSE
Die Seiten werden nacheinander gestempelt.
Irgendwann ist das Buch voll, der Stempel funktioniert weiter.
Corinne hält frohgemut ihren Mittagsschlaf.
A6 - Karten werden mit der Schreibmaschine beschrieben.
Auf der ersten Zeile etwas zu grün.
Auf der zweiten Zeile etwas zu rot.
Auf der dritten Zeile etwas zu gelb.
Die vierte Zeile wird gestempelt – BLAUPAUSE.
Die Karten werden an Freunde und Bekannte geschickt.
47 Karten entstehen.

Zwei Jahre später.
Wie sieht der ideale Katalog eines Malers aus?

Gemalte Farben können nicht reproduziert werden, Farbwörter schon.

Ein ( idealer – ? ) Katalog entsteht.
Die Texte der oben beschriebenen Karten werden als Rohmaterial genutzt.
Der Inhalt wird auf die Druckbögen aufgeteilt.
1. Bogen: Titelei.
Hier wird jedes Buch einmal gestempelt – BLAUPAUSE.
2. bis 7. Bogen: 47 Vierzeiler.
1 Seite mit den Adressaten in der Reihenfolge ihrer Zusendung.
8. Bogen: Beherbergt die Karte mit dem Text des Herausgebers Roland Scotti.
Mit dieser Karte soll der Welt das Erscheinen des Buches angekündigt werden.
Der Autor darf über alles schreiben, nur nicht über das Buch – blaue Briefe.
9. Bogen: Ein Raster, in dem die Auflage mit Strichen durchgezählt wird.
Wie die Farben wird auch die Auflage in einem Wort ausgedrückt – ein Groß.
Das Impressum.

Ein Verlag kommt hinzu, Parerga.

(Ein Stapel Karten wird an Corinnes drittem Geburtstag zur Post getragen und
von einem Postangestellten von Hand abgestempelt.)


1994/1996












Rigi – Rigi Scheidegg


Von der Rigi aus wird während zwei Wochen das Alpenpanorama mit Bleistift
gezeichnet. Im Osten beginnend über den Süden nach Westen. Das Panorama zeigt sich
von hier aus als beinah horizontale Linie. Die erste Woche wird von der Rigi Kulm aus gezeichnet,
die zweite Woche nicht weit weg von der Rigi Scheidegg aus.

Zahlreiche Zeichnungen entstehen.

Zwei Bücher werden gedruckt.
Auf die vier Umschlagseiten werden vier Definitionen von "Horizont" aus vier
verschiedenen Lexikas gedruckt.
Rigi – für das erste Buch werden 7 mal 12 Zeichnungen der ersten Woche ausgewählt.
Rigi Scheidegg – für das zweite Buch werden ebensoviele Zeichnungen der zweiten Woche ausgewählt.
Die bei trübem Wetter und schlechter Sicht nicht vor der Natur entstandenen
Zeichnungen werden links gedruckt. Die vor der Natur entstandenen Zeichnungen
werden rechts gedruckt.

Die Bücher werden in verschiedenen Versionen überarbeitet.
Mit schwarzer Tusche.
Mit weißer Farbe und Parafin,
Mit bengalischen Streichölzern und Parafin,
Mit einer schwarzen Tuschelinie, die den Horizont der davor oder dahinterliegenden Zeichnug nachzeichnet.


1990/1991













Kerbtiere


Dass deutsche Streichölzer sich anders entzünden als schweizer Streichhölzer.

In jeder Kneipe, in jedem Restaurant wird nach einer Streichholzschachtel gefragt.
Die Schmauchspuren verschiedensten Streichhölzer sollen dokumentiert werden.
Die Schmauchspuren werden in einem Buch gesammelt.

Was passiert, wenn ein Lokal nur Streichhölzer führt, die bereits in die Sammlung
aufgenommen wurden? Da das Buch sehr dick ist, Gefahr droht, dass es nie ganz voll
wird, werden auch diese Streichhölzer genutzt (in der Hoffnung, dass die verschiedenen
Zeiten beim Abbrennen der Streichhölzer den Unterschied im Sehen ausmachen).

1990













,dass der Erfinder der Uhr linkshänder war


Ein Stapel Papier.
Vier Streichholzschachteln.

Das erste Streichholz wird brennend senkrecht aufs oberste Blatt gelegt.
Das zweite Streichholz wird am ersten angezündet.
Eine Schmauchspur entsteht.
Das Blatt wird beiseite gelegt.
Das brennende zweite Streichholz wird auf das zweite, nun oben liegende Blatt gelegt.
Das dritte Streichholz wird am zweiten angezündet.
Wieder entsteht eine Schmauchspur, eine ähnliche.
Das Blatt wird beiseite gelegt.
Das brennende dritte Streichholz wird auf das dritte, nun oben liegende Blatt gelegt.
Das vierte Streichholz wird am dritten angezündet.
Wieder entsteht eine Schmauchspur, eine ähnliche …

Dabei dreht sich die Hand unmerklich leicht nach links.
Diese Bewegung wird weitergeführt.

Das erste Streichholz der ersten Streichholzschachtel beginnt bei 12.00 Uhr
Das letzte Streichholz der ersten Streichholzschachtel soll nach 09.00 Uhr
abgebrannt werden.
Das erste Streichholz der zweiten Streichholzschachtel beginnt bei 09.00 Uhr
Das letzte Streichholz der zweiten Streichholzschachtel soll nach 06.00 Uhr
abgebrannt werden.
Das erste Streichholz der dritten Streichholzschachtel beginnt bei 06.00 Uhr
Das letzte Streichholz der dritten Streichholzschachtel soll nach 03.00 Uhr
abgebrannt werden.
Das erste Streichholz der vierten Streichholzschachtel beginnt bei 03.00 Uhr.
Das letzte Streichholz der vierten Streichholzschachtel soll nach 12.00 Uhr
abgebrannt werden.

Ein Rechtshänder


1988













Satzspiegel


Mit dem Stempel – Satzspiegel – werden Satzspiegel gestempelt.

Das erste Buch mit grünem Stoffeinband wird rot gestempelt, es zeigt Möglichkeiten auf,
was ein Satzspiegel sein kann.
( Jeder Satzspiegel hat mindestens zwei Zeilen).

Das zweite Buch ( hier nicht zu sehen) mit beigem Stoffeinband wird schwarz gestempelt,
ein ausgewählter Satzspiegel wird "konsequent" durchs ganze Buch hindurch wiederholt.


1994













scharlach kadmium


Ein Buch für einen Architekten und Kunstsammler, der nach 40 Jahren die Leitung
seiner Firma an seinen Sohn weitergibt .
In Middelburg erzählt Morten Feldman die Geschichte des Inhabers eines chinesischen Restaurants:

, das war einer unserer Lieblingsplätze Mitte der fünfziger Jahre in New York, als
das echte chinesische Essen allmählich aufkam. Er hatte ein sehr kleines Restaurant.
Sein Geschäft lief phantastisch, und es gab draussen immer lange Warteschlangen.
Es lag nicht am Geld, er hätte größere Räume finden können, also fragte ich ihn:
"Warum lassen Sie diese Leute gehen?" (Würden Sie fünfundvierzig Minuten auf
ein chinesisches Essen warten?) Dies war seine Antwort: er sagte, daß die Größe
der Küche und die des Restaurants gleich sein sollten für eine gleichbleibend gute Küche!
(Musik-Konzepte 48/49 Morten Feldman, Seite 59).

Das Buch hat 20 Vorsatzblätter, 40 Blätter Buchblock und 20 Seiten Nachsatzblätter.
Wie bei allen weißen Büchern ist das Papier der Vor- und Nachsatzblätter im Gegensatz
zum Buchblock gegen die Laufrichtung des Papieres gebunden.
Vier Stempel werden angefertigt.

kadmium (15 Punkt)
kadmium (12 Punkt)
scharlach (12 Punkt)
scharlach (15 Punkt)

Der Buchblock wird gestempelt, die Aquarellfarbe ist rot.

(Sie sehen hier nicht das Original, sondern das Übungsbuch)


2002













Stefan Steiner
Köln